Übersetzung: Elberfelder 1905 (gemeinfrei)
Philipper 4,13
Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt.
Philipper 4,13 („Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“) ist kein Erfolgsversprechen für jedes Vorhaben: Paulus spricht im Gefängnis von der Kraft, im Hunger wie im Überfluss zufrieden zu leben.
Bibeltext
10 Ich habe mich aber im Herrn sehr gefreut, daß ihr endlich einmal wieder aufgelebt seid, meiner zu gedenken; wiewohl ihr auch meiner gedachtet, aber ihr hattet keine Gelegenheit.
11 Nicht daß ich dies des Mangels halber sage, denn ich habe gelernt, worin ich bin, mich zu begnügen.
12 Ich weiß sowohl erniedrigt zu sein, als ich weiß, Überfluß zu haben; in jedem und in allem bin ich unterwiesen, sowohl satt zu sein als zu hungern, sowohl Überfluß zu haben als Mangel zu leiden.
13 Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt.
14 Doch habt ihr wohlgetan, daß ihr an meiner Drangsal teilgenommen habt.
Urtext
Panta ischyō en tō endynamounti me.
Historischer Kontext
Ein Brief aus dem Gefängnis. Paulus schreibt in Haft (Philipper 1,13), wahrscheinlich in Rom um 60–62 n. Chr. Die Gemeinde in Philippi hatte ihm durch Epaphroditus eine Gabe geschickt (4,18).
Ein Dankesbrief. Die Verse 10 bis 20 sind ein Dankschreiben. Paulus freut sich über die Hilfe, betont aber, dass er nicht davon abhängt: „ich habe gelernt, worin ich bin, mich zu begnügen“ (V. 11).
Hunger und Überfluss. Vers 12 beschreibt beide Extreme: satt sein und hungern, Überfluss haben und Mangel leiden. In diesem Zusammenhang steht Vers 13.
Erklärung
„Alles“
Im Zusammenhang meint „alles“ die Situationen aus Vers 12: Überfluss und Mangel, Sättigung und Hunger. Paulus sagt nicht, dass er alles erreichen kann, was er will, sondern dass er alles durchstehen kann, was kommt.
„Ich bin unterwiesen“
In Vers 12 stammt das griechische Verb memyēmai aus der Sprache der Mysterienkulte: „ich bin eingeweiht“. Zufriedenheit erscheint als etwas, das man lernt.
„In dem, der mich kräftigt“
Die Kraft kommt nicht aus Paulus selbst, sondern von jemandem, der ihn fortwährend stärkt (das Verb steht im Präsens). Die ältesten griechischen Handschriften nennen hier Christus nicht; die Elberfelder folgt ihnen, während die Lutherbibel von 1912 „durch den, der mich mächtig macht, Christus“ schreibt.
Eine häufige Lesart – und ein Vorbehalt
Der Vers wird oft von Sportlern und in Motivationssprüchen zitiert. Ihn im Zusammenhang zu lesen, nimmt ihm nicht die Kraft, verschiebt aber den Schwerpunkt: Es geht um Ausdauer und Genügsamkeit, nicht um garantierten Sieg.
Weiterlesen
Wie jede Tradition ihn liest
Katholisch
In der katholischen Liturgie wird Philipper 4,12–14.19–20 am 28. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) gelesen. Die katholische Spiritualität verbindet den Vers mit der Gnade: Die Kraft zum Guten kommt von Gott und wirkt mit der menschlichen Freiheit zusammen.
Evangelisch
Er gehört zu den beliebtesten Versen in evangelikalen Kreisen, auf T-Shirts, Tattoos und in Beiträgen von Sportlern. Viele Prediger betonen, ihn zusammen mit Vers 11 zu lesen: Das „Geheimnis“ des Paulus ist Genügsamkeit in Christus, keine Erfolgsgarantie.
Orthodox
In der orthodoxen Tradition ist Philipper 4 gut bekannt, weil die Verse 4–9 („Freuet euch in dem Herrn allezeit“) die Epistel am Palmsonntag sind. Die Kraft, von der Paulus spricht, wird als Frucht der Gemeinschaft mit Christus gelesen.
Wissenschaftlich
Das mit „sich begnügen“ übersetzte Wort (V. 11) ist autarkēs, ein Schlüsselbegriff der stoischen Philosophie für Selbstgenügsamkeit. Paulus übernimmt das Vokabular, verlegt aber die Quelle: Die Genüge liegt nicht in ihm selbst, sondern „in dem, der mich kräftigt“. Der Haftort (Rom, Ephesus oder Cäsarea) ist umstritten.
Jede Lesart wird der Tradition zugeordnet, die sie vertritt. VersePath ergreift keine Partei.
Zum Nachdenken
Paulus sagt, er habe es gelernt, zufrieden zu sein. In welchem Bereich deines Lebens bist du gerade in dieser Schule: im Mangel oder im Überfluss? Lies die Verse 11 bis 13 zusammen, bevor du Vers 13 allein zitierst.
Wissenswertes
- Im kritischen griechischen Text hat der Vers nur sechs Wörter: panta ischyō en tō endynamounti me.
- Das Wort „Christus“ fehlt in den ältesten Handschriften; es kam in späteren Abschriften hinzu und ging in den Textus Receptus ein.
- Philippi war die erste Stadt Europas, in der Paulus eine Gemeinde gründete (Apostelgeschichte 16).
- Der Vers gehört zu den weltweit am häufigsten tätowierten und gedruckten Bibelversen.
Häufige Fragen
Was bedeutet Philipper 4,13?
Dass Paulus, gefangen und auf Hilfe angewiesen, gelernt hatte, in jeder Lage gut zu leben, hungrig oder satt, weil Gott ihn stärkte.
Bedeutet Philipper 4,13, dass ich alles erreichen kann?
Im Zusammenhang nicht. „Alles“ meint die Situationen von Überfluss und Mangel aus Vers 12. Es geht um Kraft zum Durchhalten, nicht um eine Erfolgsgarantie.
Warum steht in manchen Bibeln „Christus“ und in anderen nicht?
Weil die ältesten griechischen Handschriften nur „in dem, der mich kräftigt“ haben. „Christus“ steht in späteren Abschriften, denen etwa die Lutherbibel von 1912 folgt.
Wo war Paulus, als er den Philipperbrief schrieb?
Im Gefängnis, wie er selbst sagt (1,13). Die Tradition nennt Rom; manche Forscher vermuten Ephesus oder Cäsarea.